Donnerstag, 24. März 2016

Die letzten 100-Gefühlschaos eines Austauschschülers

Hallo ihr Lieben,

in meinen letzten drei Wochen ist nicht so viel Spannendes passiert, also dachte ich mir, ich könnte einmal einen Post einfach über ein Auslandsjahr generell machen. Heute sind es nur noch genau 100 Tage bis zu meinem Rückflug nach Deutschland und das ist einfach erschreckend wie schnell die Zeit vergeht. Ich bin doch gerade erst hier angekommen, oder etwa nicht? Aber das ist jetzt schon wieder 235 Tage her. 235 Tage schon lebe ich als Brasilianerin. 235 Tage schon befinde ich mich 10.000 km von allem was ich vorher kannte entfernt. Und es stimmt wohl wirklich, wenn man sagt, dass ein Auslandsjahr kein Jahr in deinem Leben ist, sondern ein ganzes Leben in einem Jahr. Man lacht, man weint, man findet neue Freunde und sogar eine 2. Familie und lernt ein anderen Lebensstil kennen und schon bald findet man sich selbst wieder, wie man immer mehr von dem Land annimmt und kaum mehr unterscheiden kann, was man schon vorher gemacht und gedacht hat und was man erst hier angefangen hat.
Es haben immer alle gesagt, dass die 2. Hälfte des Jahres noch einmal schneller vergeht als die Erste und ich kann dem nur voll und ganz zustimmen. Es kam mir zur Halbzeit vor, als hätte ich noch eine Ewigkeit hier und jetzt, ist das auch schon wieder über zwei Monate her und ich weiß gar nicht wo die Zeit hin ist.
Selbst jetzt nach fast acht Monaten lernt man immer noch viel dazu und entdeckt immer wieder neue Dinge. Zum Beispiel habe ich letzte Woche herausgefunden, dass meine Schule größer ist als ich dachte und einen schönen Garten mit wunderschönen Blick über meine Stadt hat und Hunde und sogar einen eigenen Friedhof, da sie von deutschen Schwestern gegründet wurde und diese auf dem Friedhof direkt an der Schule beerdigt werden (heutzutage kann nur noch eine Frau an der Schule Deutsch und dies auch nur gebrochen).
Es ist schwer zu beschreiben wie man sich als Austauschschüler fühlt und ich denke, dass vieles nur andere Austauschschüler selbst verstehen. Es ist ein auf und ab. Manchmal weiß man nicht einmal genau was man genau fühlt. Bei mir ist an dem einen Tag zum Beispiel so, dass ich total glücklich bin und am liebsten nicht mehr zurück will und am anderen Tag bin ich schon wieder froh, dass das Auslandsjahr irgendwann aufhört und ich alle und alles in Deutschland wieder habe. Und dann gibt es diese Tage, da ist es beides gemischt. Da freut man sich zwar schon auf die Sachen, die man vermisst, aber zur selben Zeit könnte man heulen, weil man weiß, dass das Auslandsjahr schon bald zu Ende ist. Ein Auslandsjahr ist wirklich eine Achterbahnfahrt. Auf und ab und manchmal macht es auch einen Looping und am Ende ist man froh es geschafft zu haben, aber man will doch auch irgendwie noch einmal fahren.
Ich finde es ein echt komisches Gefühl, wenn ich bedenke, dass ich vor etwa zwei Jahren mich intensiver informiert habe über alles und es für mich ein so entfernter Traum war. Ein fast unerreichbares Ziel und doch hat irgendwas in mir gesagt: Tu es! Es war unsicher und das bis zur letzten Sekunde und doch habe ich viel Zeit reingesteckt und konnte es kaum glauben, als ich tatsächlich in den Flieger nach Brasilien stieg. Ohne zu wissen, was genau mich erwartet.
Und jetzt!? Jetzt sind fast acht Monate von elf Monaten vorbei und die Zeit rast nur so vorbei. Und während man in der Vorbereitungszeit doch immer diese Vorfreude hatte und wusste, dass man ALLES noch vor sich hat, weiß man jetzt, dass es in 100 Tagen vorbei ist. ALLES vorbei. Der ganze Prozess von über zwei oder sogar drei Jahren, vorbei. Das was bleibt, ist die Erinnerung, aber es ist vorbei und es kommt nicht wieder. Und das ist schon ein komisches Gefühl.
Ich möchte auf mein Auslandsjahr zurückblicken und sagen können: Ja, ich habe das Beste aus der Zeit gemacht! Und ich denke, genau das kann ich auch tun. Ich bin zufrieden mit dem Verlauf des Jahres bis jetzt, auch wenn nicht alles immer super lief, aber genau an diesen Situationen bin ich gewachsen und sie haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich jetzt bin.
Ich werde auch jetzt die letzten drei Monate noch genießen und alles was geht erleben, um dann zufrieden in den Flieger nach Deutschland steigen zu können und sagen zu können: Ja, es ist zu Ende, aber ich habe die Zeit, die ich hatte, genutzt!
Alles muss wohl auch irgendwann mal zu Ende gehen und das, was ich hoffentlich nie verliere, sind die Erinnerungen. Keiner kann mir diese Erfahrung mehr wegnehmen!
Ich habe heute einen sehr passenden Spruch gelesen: A distancia nao é ruim, ela apenas mostra o quanto amamos o que ficou longe. (Heißt übersetzt etwa: Die Entfernung ist nicht schlimm, sie zeigt uns nur, wie sehr wir das lieben, was entfernt ist.) Ich finde das sehr passend.
Ich habe viel über Deutschland gelernt und zu schätzen gelernt. Es stimmt: Wenn man sein Land richtig kennen lernen möchte, muss man es zunächst erst einmal verlassen.
Generell kann man schwer alles was man lernt und fühlt zusammenfassen, weil es einfach so viel ist.
Ich denke ich habe wirklich einiges dazu gelernt und auch gelernt, dass man nicht immer und überall dabei sein muss. Es war am Anfang manchmal schwer für mich, meine Freunde in Deutschland zu sehen, wie sie zusammen Spaß hatten und man selbst war so weit entfernt. Aber ich habe gelernt, dass man nie etwas 'verpasst', man erlebt nur etwas anderes in dieser Zeit und ich denke, dies ist ein wichtiger Aspekt für den Rest meines Lebens. Ich bin selbstbewusster, selbstständiger, zufriedener und auf jeden Fall auch entspannter geworden. Es ist wohl auch unausweichlich, dass man etwas dazulernt, wenn man von einem Tag auf den anderen sich in einer komplett fremden Umgebung mit fremder Sprache alleine zurecht finden muss und das ohne jemanden zu kennen.
Dieses Jahr, und das kann ich jetzt schon sagen, hat mich auf jeden Fall geprägt und war eines der Abenteuer meines Lebens!

Ich hatte  heute und morgen keine Schule wegen Ostern, aber das wird hier nicht wirklich gefeiert. Die Kinder kriegen halt ein riesiges Schoko-Ei, aber diese werden nicht einmal versteckt und Dekoration gibt es auch nicht. Also ein eher kleines Fest hier.
Ich wünsch euch allen trotzdem Frohe Ostern!
Außerdem haben wir haben Sonntag wieder 5 Stunden Zeit-Unterschied.:)
Achja, ich hatte letzte Woche Geburtstag und Brasilianer machen eigentlich keinen Geburtstag ohne Torte und singen. Also hat meine Familie extra eine Apfeltorte für mich bestellt, weil es in Deutschland ja so viele Äpfel gibt und haben für mich gesungen. Am nächsten Tag war ich dann mit meinen besten Freundinnen noch essen. Es war kein großer Geburtstag, aber es war trotzdem schön das einmal in einem anderen Land zu erleben. Ansonsten war ich in den letzten Wochen nur hier in der Nähe, habe mich mit Freunden getroffen oder was mit meiner Familie gemacht.

Até breve,

eure Lisa:)

Hier mal ein paar Bilder aus meinem Alltag:





In meiner Schule♡








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